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Alleineurlaub. Der wunderschöne Ego-Trip.

20.09.2022

„Solitude“ nennen sie das in der englischen Sprache. Diese Zeit, in der man ganz bewusst alleine für sich ist. In der Nacht des Tages, an dem die erste Fassung dieses Blogpost veröffentlicht wurde, bin ich in in den Zug gestiegen, um dieser Tradition folgend, für einige Tage nach London zu verschwinden.

Hier handelt es sich um eine überarbeitete Version eines Blog-Posts, der zuerst im Happy People Center erschienen ist.

Triggerwarnung: Ego-Trip! Wenn man mich fragt, wer der wichtigste Mensch in meinem Leben ist, dann ziehe ich gedanklich an meiner Familie und meinen Freunden vorbei. Ich lasse jeden Anstand fallen und sage ganz unverblümt: „Das bin ganz klar ich.“ Die Welt bleibt kurz stutzig stehen. Weil man sowas nicht sagt. Ich nutze diesen Augenblick um in mich hinein zu spüren, und weiß: Diese Aussage kommt direkt aus dem Herzen und nicht, wie Blicke vermuten lassen, aus einer Wucherung des Egos.Als Vater einer vierköpfigen Familie und selbstständiger Kreativunternehmer ist das Leben laut und bunt und rau. Immer ist irgendwas, irgendwo, mit irgendwem los. Projekte, Date-Nights und Elternabende geben sich die Klinke in der Hand. Ist man dann durch diese eine Tür durch, kommt man in immer neue Flure mit immer neuen Gelegenheiten und Aufgaben. Das ist so super, dieses ein Turbo-Leben. Ich liebe das. An der Seite der besten Menschen der Welt. Ich würde es gegen nichts tauschen.

Nur … manchmal. Dann schnappe ich mir meine Laufschuhe, verziehe mich in den Wald. Oder verkrümle mich in mein Kelleratelier und zeichne oder schreibe Geschichten von den Wundrändern. Mit mittlerweile einem Haufen an Leben als Kreativer in den Knochen, ist es mein fester Glaube, dass uns Schaffenden das innewohnt. Die Notwendigkeit des Rückzugs.

Radikale Selbstfürsorge als Dienst an der Gemeinschaft

Dahinter steckt ein latenter Hang zum Introvertierten. Vielleicht sogar mit Tendenzen zur Hochsensibilität. Und bei den ganz krassen Typ:innen brilliert das alles in schillernden Farben der Autismus-Spektren. Einfach gesagt: Manchmal qualmt bei diesen Menschen und mir die Birne einfach und alle Batterien sind leer gezogen.

Da hilft nur noch eines: Schnell raus aus allem. Aus dem Alltagsmonster. Und damit leider oft eben auch weg von den Menschen, die sonst alles bedeuten. Aus gutem Grund:

Dieser vermeintliche „Ego-Trip“ ist eine Form radikaler Selbstfürsorge. Die wir in einem Alltag, in dem uns ständig die Bedürfnisse und Ansprüche der anderen beanspruchen, zuerst ignorieren und dann für immer in irgendeiner Ecke unserer Seele verrotten lassen. Dabei ist diese Selbstfürsorge elementar wichtig. Wesentlich für ein gutes kreatives Leben.

Denn nur, wenn man sich und seine Bedürfnisse und Lebenswerte wahrnimmt und diesen dann ernsthaft begegnet, kann man ein Leben führen, mit dem die gute Seele im Einklang klingt. Erst wenn ich wahrhaftig ich selbst bin, kann ich meine wahren Stärken in die Gemeinschaft einbringen. Alles andere ist zu oft Schauspiel. Irgendeine Rolle, die mir der Anstand und die Gesellschaft abverlangen.

War der Rückzug deshalb schon immer sehr wichtig, von jungen Jahren bist heute, so ist das vor allem in Zeiten ständiger Erreichbarkeit und einem ununterbrochenen Kommunikationsfluss noch drängender geworden. Sich raus zu nehmen aus der ratternden Systematik des Alltags. Abzutauchen.

Denn trotz all der wirklich gewinnbringenden Konnektivität haben wir absurderweise die wichtigste Verbindung verloren. Weil der Aufmerksamkeits-Akku irgendwann auch mal leer gelutscht ist: Wir verlieren dann die Verbindung zu unserem Unterbewussten. Zu uns selbst. Zu dem, was mein Therapeut immer „die gute Seele“ nennt. Diesem inneren Mentor, der alle Fragen und Antworten kennt.

Der Minimalismus des Seins

In seinem lesenswerten Buch „Digitaler Minimalismus“, in dem der Autor Cal Newport sich mit den Auswirkungen einer vernetzten Welt beschäftigt, die in jeder Hinsicht stets „online“ ist, bringt er das immer wieder auf den Punkt. Er widmet der „Solitude“, dem „Alleine sein“ sogar ein ganzes Kapitel.

So schreibt er im Original:

This obsession with connection is clearly overly optimistic, and it’s easy to make light of its grandiose ambition, but when solitude deprivation is put into the context of the ideas discussed earlier in this chapter, this prioritization of communication over reflection becomes a source of serious concern. For one thing, when you avoid solitude, you miss out on the positive things it brings you: the ability to clarify hard problems, to regulate your emotions, to build moral courage, and to strengthen relationships. If you suffer from chronic solitude deprivation, therefore, the quality of your life degrades.

Übersetzung durch Deepl:

Diese Besessenheit von der Verbindung ist eindeutig zu optimistisch, und es ist leicht, ihren grandiosen Ehrgeiz zu beleuchten. Aber wenn der Einsamkeitsentzug in den Kontext der zuvor in diesem Kapitel diskutierten Ideen gestellt wird, wird diese Priorisierung der Kommunikation über die Reflexion zu einer Quelle ernster Besorgnis. Zum einen verpasst man, wenn man Einsamkeit vermeidet, die positiven Dinge, die sie einem bringt. Die Fähigkeit, schwierige Probleme zu klären, seine Emotionen zu regulieren, Zivilcourage aufzubauen und Beziehungen zu stärken. Wenn Sie unter chronischem Einsamkeitsentzug leiden, verschlechtert sich daher die Qualität Ihres Lebens.

Stillness is the key

Um diesen Kanal zwischen der bewussten Wahrnehmung der Welt und dem unterbewussten Flüstern der verlangenden Seele offen zu halten, ist also Stille notwendig. Nicht unbedingt eine auditive Stille. Aber Zeit mit sich, die frei von unkontrollierten Ablenkungen von außen ist. Das können, wie erwähnt, kurze Auszeiten im Wald oder an einem Lieblingsort sein. Ein Hineintreten in die wahre Komfortzone jenseits des Sofas. Laufen. Kunst schaffen. Meditation, ganz klar. Oder eben auch mal ein längerer Rückzug. Für ein paar Tage weg. Urlaub. Ganz alleine.

Nun aber: Der Alleineurlaub in der Praxis

Das mache ich nun so seit einigen Jahren, im Herbst. Fahre für ein paar Tage weit weg. Genau genommen seit 2015. Da war das noch Berlin. Wurde aber ab 2016 zu Trips in meinen Lieblingsort England, ganz speziell London. Da bin ich für ein paar Tage – seit 2020 für genau eine Woche – und nur für mich. Ohne Pläne und Absichten. Nur mit ein paar Ideen. Offen für die Möglichkeiten, die sich mir automatisch auftun.

Die Entscheidung, diese Zeit in Metropolen und nicht an einem ruhigeren Ort zu verbringen, ist eine ganz bewusste. So sehr, wie ich den Wald oder die See liebe, so sehr bin ich auch ein urbaner Mensch. Andersherum: Genau so, wie der Krach und Schmutz und Staub dieser verrückten Stadt einen auffressen kann, so kann man sich in ebenso diese Dingen zuerst verlieren und dann im Hyde Park an der Serpentine wiederfinden.

Serpentine Hyde Park LondonDenn den wirklichen Zauber entfaltet der Alleineurlaub durch das Umherstreifen. Diese ständige Bewegung im Raum wandelt sich irgendwann automatisch in eine Bewegung der Seele: Morgens den Rucksack packen, in South Kensington in die erste Bahn springen und sehen, was einem dieser Koloss vor die Füße wirft. An Erlebnissen, Gelegenheiten und Gedanken. Jedes Jahr mache ich mir dazu eine lange Liste mit Dingen, die ich unternehmen könnte. Ein Batzen an Möglichkeiten, die ich wahrnehme, nach Lust und Laune. Fixpunkte, die ich ansteuere.

An Orte – und Gedanken – kommen, die man noch nicht kannte. Das ist nicht immer schön.

Manchmal mache ich das, was ich mir vorgenommen hatte. Aber noch öfter „verlaufe“ ich mich dabei und komme an Orte, die ich so nicht erwartet hatte. Auch das gilt „tatsächlich“, aber auch „metaphorisch“.

Ein klein wenig ähnelt das einem kreativen Prozess des Künstlers. Man hat eine Idee für ein Bild im Kopf, holt die Pinsel raus und malt los. Am Ende hat man etwas auf der Leinwand, das überhaupt nicht dem entspricht, was man ursprünglich im Sinn hatte. Und doch ist es irgendwie genau so geworden, wie man es wollte. „Der Weg ist das Ziel“ und so.

Um bei der Metapher zu bleiben will ich auch nicht verschweigen, dass es Momente großer Einsamkeit und dunkler Tiefe gibt – wenn man das Bild, dass sich da vor einem ausbreitet zerknüllen und trashen will. Doch habe ich gelernt, nicht nur „auch“ sondern „vor allem“ diese Augenblicke als Wahrheit anzusehen. Tanzend durch Metropolen zu wirbeln ist leicht und erwartet. Wenn ich jedoch inmitten dieses Pulsierens von London durchgeschüttelt auf meiner kleinen Bank vor meinem Airbnb sitze und mich wie der einsamste Mensch der Welt fühle, dann liegt das nicht am Außen.

Dann will das mit mir reden. Und ich habe endlich mal Zeit zuzuhören.

Die Erfahrung zeigt: Das geht nicht einfach vorbei. Nein. Es wächst und gedeiht und blüht auf. Zu neuen Gedanken und Blüten. Bis dann eben, nach einigen Tagen, das Tänzeln ganz von alleine zurück kommt. Mit neuem Rythmus und einer unfassbaren Lebendigkeit.

Zweite Triggerwarnung: Kitsch auf der Ziellinie des Alleineurlaubs

Neben all diesen schönen Erlebnissen und Einsichten ist es jedoch etwas ganz anderes, dass den Höhepunkt bildet: Nach Hause zu kommen. Weil das eben genau das ist, wofür ich überhaupt da bin. Für diese Menschen da in Bielefeld, die mir das Schicksal geschenkt hat.

Nach diesen sechs Tagen Egotrip liebe ich es, am Sonntag, spät abends, müde von der Reise, den Schlüssel in ein Schloss zu stecken, in das er passt. Ihn herumzudrehen und zurück zu sein. Nachdem ich einen großen Schritt zurück gemacht hatte, um einen Blick auf das Gesamtbild meines Lebens zu bekommen. Jede Ecke in Betracht gezogen zu haben. Die verblassten Stellen restauriert. Die glänzenden herausgestellt. Und dies Gemälde dann in die schönsten Ecken meines Herzens gehängt zu haben. In einem zu Hause, das diesen Begriff verdient. In jeder Hinsicht.

Für die anderen 51 Wochen jedes einzelnen Jahres, die ich nicht alleine bin. Sondern wirklich zusammen mit diesen wunderbaren Menschen.

Weil: „Dankbarkeit“ ist eines der mächtigsten Werkzeuge der Persönlichkeitsentwicklung.

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