Goodbye, Facebook. Das war super. vom

Goodbye, Facebook. Das war super.

Am 31.3.2019 werde ich Facebook den Rücken kehren. Gute 10 Jahre, nachdem ich mich dort angemeldet habe. Hier ein kurzer Rückblick, ein Status und eine Vorschau. Und natürlich erzählen ich von meinen Gründen für diesen Schritt.

Aller Anfang war unbedacht

Es gab damals, im Januar 2009, keinen konkreten Grund, mich dort anzumelden. Es war einfach das, was man tat. Einfach so. Genau so, wie wir alle im Sommer 1989 alle anfingen zu rauchen. Keine Ahnung mehr, ob damals Alex oder Peter oder Carsten oder ich gesagt hatten: Lass das mal machen. Wir taten es einfach. Klauten zuerst „Ziggis“ von Mama und zogen dann welche für 2 Mark aus dem Automaten neben der Kneipe. Und dann war das so. Genau so war das mit Facebook. Wir meldeten uns an. Und dann gehörte das zu uns.

Und hier hört die Parallele zum Rauchen noch lange nicht auf. Wie wir später noch sehen.

Die Fichten in Rietberg. Wo wir unsere ersten Zigaretten rauchten. Und mit Freunden aus Philadelphia abhingen.

Facebook. Zurück auf den Schulhof.

In den besten Zeiten war Facebook ein riesengroßer Schulhof, auf dem man sich in den großen und kleinen Pausen des Lebens traf. Alle tummelten sich dort. Die kreativen Freigeister, die Querdenker, die Macher, die Nicht-Macher, die Zuschauerinnen, die Nutznießer, die Langweiler, die Punks und Popper. Verbunden und zusammengeführt durch Algorithmen, basierend auf dem, was wir an Leben und Lust ins System pumpten. Das war super. Und insgesamt dieses berühmte bisschen größer als die Summe aller Einzelteile. Im Überbau betrachtet: Das alles  hat die Gesellschaft – und damit auch dich und mich – so grundlegend verändert, wie weniges in unserer Zeit. Und es hat uns alle über alle Grenzen hinweg oft näher zusammengebracht.

Mein erster Post auf Facebook von 30.1.2009. Selbst erfüllende Prophezeiung, und so.

Doch in den schlimmsten Zeiten hat es mich von mir selbst entfremdet. Es hat mich eingesaugt, in Diskussionen verwickelt, die ich nicht führen wollte oder eigentlich gar nicht konnte, weil ich ahnungslos war. Dinge fühlen, sagen, schreiben lassen, die ich nicht bin. Mich gereizt, überreizt, wütend gemacht. Mir wurden Dinge gezeigt, die ich gar nicht sehen wollte. Sätze um die Ohren gehauen, die vermutlich nicht böse gemeint waren und doch ins tiefe Dunkle trafen. Dort, wo die Dämonen hausen. Denn das Unterbewusstsein kennt kein Bewertungssystem, sondern holt auf Zuruf unreflektiert und instinktiv üble Dinge aus dem Archiv. Auf einmal fühlt man sich nicht mehr gut. Schmutzig. Dreckig. Nutzlos. Fremd.

Und dann wieder die guten Dinge: Ohne Facebook hätte ich nicht zwei Crowdfunding-Kampagnen mit ONE. und Großväterland erfolgreich über die Bühne bekommen. Den Slam 2013, die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam, mit den anderen coolen Typen nach Bielefeld zu holen und zu einem großen Fest zu machen. Es hat mir geholfen, berufliche Kontakte zu knüpfen. Facebook war das perfekte Werkzeug um immer mal wieder den Finger in die Luft zu heben, zu sagen: Ich bin hier. Denn das ist so wichtig, das sagte schon Woody Allen, dass 80% des Erfolges daher rühren, dass man einfach da ist. In Erscheinung tritt.

Scheiß auf Privatsphäre

Der Vollständigkeit halber: Das Facebook vermutlich mehr über mich weiß als ich selbst und schamlos mit diesem Wissen umgeht, habe ich zu jedem Zeitpunkt hingenommen. Die Datenskandale, die immer wieder aufpoppten waren und sind kein Grund für mich, Facebook zu verdammen. Wer nur kurz nachdenkt, wird dahinter kommen, dass ein solcher Flugzeugträger nicht mit Rapsöl zu betreiben ist. Dass die mit unseren Daten handeln und daraus Angebot generieren ist ganz klar. Hier galt immer die Maxime „Schreibe in Social Media niemals etwas rein, dass du nicht laut im Bus sagen würdest.“

Das alles war Facebook für mich. Das ist vorbei.

Am Ende kommen wir wieder zur Parallele mit meiner „Karriere“ als Raucher:

Im Frühjahr 2002 beschloss ich mit dem Rauchen aufzuhören. Nach 23 Jahren. Das war zwar eine bewusste Entscheidung. Aber keine rationale. Ich las das Buch „Endlich Nichtraucher“ von Allen Carr.

Erinnere mich noch an die Seite mit der Überschrift: Alle guten Gründe, nicht mit dem Rauchen aufzuhören. Und der Rest der Seite war leer.

Doch ich bin sowieso ein cleveres Kerlchen. Niemand musste mir sagen, wie schlimm Rauchen ist. (Dass mein Vater damals vermutlich schon Lungenkrebs hatte, der dann im Herbst 2002 diagnostiziert wurden und an dem er im Sommer 2003 starb, lässt mich heute manchmal denken, es war Schicksal, dass mir der Gedanke zum Aufhören kam. Anderes Thema.)

Jedenfalls: Aus dem Nichts heraus beschloss ich: Schluss mit dem Blödsinn. Auslöser für diese Eingebung war eventuell, dass es keinen Spaß mehr machte zu rauchen. Im Büro rauchten wir seit kurzem nicht mehr. Auch, weil meine damals schwangere Schwester dort arbeitete. Im Auto und unseren Wohnungen rauchten meine damalige Freundin und heutige Frau auch nicht. Und die ersten Kneipen verboten das bereits proaktiv. Da blieb nicht mehr viel tatsächlicher Raum.

Alles das, was Rauchen zu einem sozialen Event gemacht hatte, war … verpufft. Es war endgültig völlig sinnlos geworden. Es war nur noch eine elendige Sucht, die mich alle 30 Minuten das unterbrechen ließ, was ich gerade tat, um raus zu gehen in die graue Kälte. Mit einer fahlen Erinnerung an die Nächte in einem jugendlichen Sommer, als wir Bruce Springsteen am Lagerfeuer hörten und geklaute Fluppen von Mama rauchten.

Exakt genau so fühlt sich Facebook Anfang 2019 an. Jedesmal, wenn ich es aufmache. Kalt und grau und elendig. Leer. Die Party war lange vorbei. Blasse Erinnerungen an die Zeiten, als noch alle da waren. Tanzten. Schnatterten. Sich in den Armen lagen. Und nun waren die meisten mittlerweile wieder fort. Nur noch wir übrig. Die Den-Zug-verpassten. Die Besoffskis. Die Ohne-Musik-Tänzer.

In echt:

Zwei wesentliche Werte, die mich antreiben sind „Inspiration“ und „Entwicklung“. Nach einem kurzen digitalen Detox im Januar 2019 und die anschließende Rückkehr zu Facebook stellte ich für mich ganz klar, dass Facebook und das, was dort abgeht, diese Werte schon lange nicht mehr bedient. Eher im Gegenteil. Facebook besetzte mittlerweile zu viele Räume in meiner Aufmerksamkeit, mit Themen, die mich nicht interessierten oder etwas angingen. Räume, die ich viel sinnvoller und nachhaltiger nutzen kann.

Das einhundertfünfundsiebzigste Video ist nicht mehr lustig. Einer hat ein neues Thema entdeckt, das jetzt aber wirklich der totale Skandal ist und dann lass mal … diskutieren. Veganer hacken auf Gender-Wissenschaftlerinnen herum. Die neue Rechte kackt den Klimaforschern in den Gletscher. Petra stalkt Peter. Und so weiter. Ach, was sage ich: Lass mal ständig passiv aggressiv beschimpfen, dass man doch keine Ahnung hat. Von allem. Ach, nö. Ich komme da nicht mehr mit. Weil das nämlich nirgendwo hin führt.

Aber dann gibt es doch auch so vieles Gutes! Netzwerken. Kontakte knüpfen. Man kann sich auch einreden, dass man doch teilhaben will am Leben des alten Freundes aus Philadelphia. Aber ist das Anteilnahme an einem Leben, wenn der alle vier Monate ein Bild postet, wie er mit seiner Tochter auf einer Veranda sitzt oder Kuchen backt und man gibt ein „Herzchen“ dafür? Ja.

Meinetwegen. Kürzen wir das ab: Es gibt viele gute Gründe für Facebook. Und genau so, wie jeder in meiner Anwesenheit gerne rauchen darf, so kann auch jeder gerne bei Facebook bleiben.

Doch meine Seite mit allen Argumenten „Pro Facebook“, die war auf einmal leer.

Facebook und Co. sind Slot Machines und du bist süchtig

Ein Punkt, der mich dahin getrieben hat, mit Facebook Schluss zu machen, war das Buch „Digitaler Minimalismus“ von Cal Newport (Affiliate-Link). In diesem beschreibt er sehr anschaulich, welche psychologischen Kniffe sich die Macher der Netzwerke bedienen, um uns buchstäblich an die Nadel zu hängen. Noch einmal den Hebel am Einarmigen Banditen herunterzureißen. Weil dieses mal, dieses mal kommt bestimmt ein toller Post. Gewinnen wir ganz sicher. Kurz um: Es ist absurd und erschreckend, wie sie uns ausgetrickst haben. Du hast längst keine Kontrolle mehr über deinen Willen.

Wer nicht das ganze Buch lesen will: Der Artikel „How Technology Hijacks People’s Mindsfrom a Magician and Google’s Design Ethicist“ von Tristan Harris, auf den sich Newport auch bezieht, fasst das sehr gut zusammen.

Wenn man „Sucht“ maximieren möchte, muss der Designer der Technologie die Handlung des Nutzers (wie z. B. einen Hebel am Einarmigen Banditen zu ziehen) mit einem unregelmäßigen Gewinn verknüpfen. Du ziehst am Hebel und erhältst entweder sofort einen schönen Preis oder nichts. Sucht wird dann maximiert, wenn die Belohnung unregelmäßig ist. Ob das funktioniert? Ja. Glücksspielautomaten machen in den Vereinigten Staaten mehr Geld, als Baseball, Filme und Freizeitparks zusammen.

Lesezeit: 12 Minuten. Das kann man schaffen. Danach ist dein Denken ein anderes. Versprochen.

Die Post-Facebook-Ära auf Faecebook sieht so aus:

Nein, ich werde meinen Account nicht löschen. Denn So ganz weg kann ich von Facebook leider nicht. Ich werde es nicht nie wieder öffnen können, weil ich ein paar Accounts von Kunden verwalte. Außerdem habe ich mir da über die Jahre schon ein veritables Netzwerk aufgebaut. Und wer weiß, was das Leben mir noch vor dir Füße wirft und ob ich das noch einmal zu schätzen weiß.

Auch werde ich weiterhin meine Blogposts und Bilder veröffentlichen. Sowohl in meinem Profil als auch auf meiner Seite. Weil ich weiß, dass es da Menschen gibt, die das gerne sehen oder lesen.

Aber ich werde nicht mehr selbst jenseits davon auf Facebook lesen, geschweige denn kommentieren oder gar diskutieren.

Ja, ich werde auch im Messenger bleiben. Allein schon aus beruflichen Gründen.

Darüber habe ich andere, deutliche werthaltigere Wege, mich über die Dinge zu informieren, die mir wirklich wichtig sind. Die mich inspirieren, mir in der Entwicklung helfen. Die meinen Werten und meinem Wirken entsprechen.

Meinetwegen finden das einige nicht konsequent und möchten mir zynisch zuwinken. Aber wenn ich nur einen Teil der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit wieder gewinne, die mich Facebook am Ende gekostet hat und diese für mich nutzen kann: Gewinner.

So bleiben wir in Kontakt

Es gibt so viele Wege, miteinander in einen wertvollen Austausch zu kommen:

  • Folge mir einfach auf Instagram
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  • Schreibe mir eine E-Mail an markus@freise.de
  • Ruf mich an: 0151.12549129
  • Texte mich voll. WhatsApp, SMS oder iMessage
  • Oder: Lass mal auf ein Bier treffen

Und dem Kumpel in Philadelphia, dem werde ich einfach mal schreiben. So wie vielen anderen auch immer mal. Bleiben ausreichend viele Kanäle. Wenn dabei die eine oder andere Verbindung dann doch abbricht, dann war sie es vermutlich auch nicht wert, dass wir unsere Hirne und das was da rauskommt, an Zuckerberg und seinen Clan verhökert haben. Dann war das nur die knallrote Kirsche auf der Social Media Torte, rechts oben in der Ecke, die uns ständig sagt:

Komm, einmal noch klicken.

Ähm, nein Danke.

Ich bin dann mal weg.

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