In Schnittmengen leben. Vom kreativen Umgang mit dem Social-Media-Brainfuck vom

In Schnittmengen leben. Vom kreativen Umgang mit dem Social-Media-Brainfuck

Die Experten sind sich einig: Das ständige Beobachten der Leben anderer und das Vergleichen mit diesen durch ungehemmten Konsum von vor allem sozialen Medien, führt über kurz oder lang zu mindestens schlechter Laune. Vielleicht sogar in depressive Episoden bis hin zur ausgewachsenen Depression. Aus ganz einfachen Gründen.

Weil wir meist nur eben die Leben der Menschen in den Medien verfolgen, zu denen wir hinaufschauen. Die aus unserer Sicht höher, besser im Leben da stehen. Hieß das früher „Idole“ und waren das ausschließlich „Stars und Sternchen“, die sich in Sphären bewegten, die fernab unseres Alltags waren und somit keine direkten Rückschlüsse auf das eigene, wie auch immer geartete Dasein triggerten, sind das heute auch oft scheinbar ganz normale Menschen. Die zudem unmittelbar in unserem Alltag stattfinden. Denn durch ihre und unsere ununterbrochene Präsenz in den zur Verfügung stehenden Kanälen, sind wir hautnah dran an ihren Leben. Und durch Messenger, Chats und Feedback-Mechanismen, leben wir zudem in der Illusion, direkt mit ihnen kommunizieren zu können, wie mit jedem anderen auch. Als säßen sie an einem Samstagmorgen mit uns beim Kater-Frühstück des Lebens.

Dadurch werden aus den unnahbaren Stars von früher, die Normalos von heute. Menschen, wie du und ich.

Dinge im Rückspiegel erscheinen eventuell näher, als sie es wirklich sind

Und dennoch ist da dies eine, dass sie unterscheidet von uns: die haben etwas erreicht, das wir auch insgeheim wollen-wollen-wollen. Wohnen auf karibisichen Inseln, inmitten von Bananenstauden. Mit ewigem Sonnenschein. Lässing flanierend, statt im verregneten Borgholzhausen zu malochen. Leben, wie die stets lächelnde Fashion-Influencerin, in allen großen Städten, diesseits und jenseits der Ozeane. Bis hin zu diesem Typen, der aus einem Nichts, das wir nur zu gut kennen, ein kleines Imperium aufgebaut hat. In dem wir das Klick-Vieh sind.

 

Doch durch den Umstand, dass sie uns in ihren Snaps, Posts und Stories fast bis auf die Toilette mitzunehmen scheinen, sind sie nie so weit weg, als dass uns nicht irgendein Anteil unseres Wesens doch sagen würde: Siehste, du Pfeife, hättest du mal bei Herrn Mackel in Informatik besser aufgepasst. Dann könntest du da jetzt auch mitspielen. Stattdessen: 9 to 5-Leben inmitten der eigenen Blase mit dieser zähen Hülle, durch die man nicht hindurch kommt. Mal raus kommt aus dem Trott. Hinein in das Paradies, in dem die leben dürfen. Das ist dann noch kein Neid, den man offen zu gibt. Aber mindestens eine unbewusste Verbitterung und ein nagendes Gefühl des Mangels.

Also lieber noch einmal Tacken gehen; die Instagrams dieser Welt öffnen und Herzchen an all die schönen Menschen verteilen, die es „geschafft haben“. Weil: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Und noch ein Sternchen. Und noch ein Daumen hoch. Und nichts davon für uns. Warum auch? Wofür auch? Und ganz langsam frisst uns das, dieser Seelen-Krebs die Freude auf. Denn so funktioniert Sucht. Auch die Sucht danach, Anerkennung zu geben, wo sie uns verwehrt bleibt.

Raus aus dem Mangel, rein in die Schnittmengen

Aber das muss nicht sein. Man kann das für sich nutzen. Nicht, indem man gleich den Stecker zieht und einen permanenten „Digitalen Detox“ ausruft. Zum hundertsten Male den Wortwitz mit „Influenza“ macht. Social Media verteufelt, seine 666 Thesen an digitale Türen hämmert und nur noch Schwarzweiß-Fernsehen schaut. Nein, wenn es stattdessen gelingt, diese Diskrepanz die zwischen deren und unseren Leben liegt, eben nicht als Mangel zu verstehen, sondern als Inspiration – da findet dann „Werden“ statt, statt „Verkümmern“.

Denn hier liegt eben auch die Chance zur Veränderung; in dem Umstand, dass die Influencer, Blogger und YouTuber eben keine Halbgötter mit Moonwalk und Villa in Bel Air sind.

Denn wenn sie das nicht mehr sind, dann ist es auch nicht mehr unbedingt der Starschnitt der BRAVO der ausschlaggebende Grund, aus dem heraus wir ihnen folgen. Vielmehr tun wir das, weil sie einen Anteil unserer Seele ansprechen, der unbefriedigt bis verkümmert ist. Der mehr möchte. Der überhaupt mal gesehen werden will. Von dir. Weil „die da“ in ihren Bildern und Videos und Blogs von Dingen erzählen, die unser höheres Selbst auch tun will. Nur bislang nicht durfte. Aber das kann sich ändern. Denn wenn man genau hinschaut, welcher Teil das ist und ihn endlich bedient, passieren zuerst kleine Wunder. Inspiriert durch das Handeln der Anderen da draußen. Und wenn wir es laut und deutlich resonieren lassen, kann eine echte Transformation stattfinden.

Es geht dabei genau gar nicht darum, diese fernen Leben zu kopieren. Das geht nicht. Du hast ein ganz anderes Framework um dich herum aufgebaut. Das kannst du nicht einfach komplett einreißen. (Wenn doch, auch gut. Aber soweit bist du noch lange nicht.) Hey, du lebst nicht auf Aruba, du bist nicht mehr 25, du hast Frau, Kinder. Auch einen Job, der erst einmal die Miete bezahlt. Das ist alles wichtig und gut. Lass das bloß so. Ja, auch die Nachbarn.

Aber neben all dem geht mehr. Mehr „Du“. Mehr „Jetzt ich“.

Ein Stück vom Kuchen ist auch für dich reserviert. Mit Sahne und Kirsche. Ach, was sage ich: KirscheN.

Ich nenne das: „In Schnittmengen leben.“

Diese Aspekte ihn ihren und unseren Leben zu finden, die sich decken lassen. Die wir ohne Weiteres, nur mit ein bisschen Spucke und Mut, für uns umsetzen und nach und nach immer weiter integrieren können. Niemand wird über Nacht zu einem Gary Vaynerchuck, einer Laura Malina Seiler oder einem Pewdiepie. Keiner ist so mir-nichts-dir-nichts die nächste große Nummer in irgendeinem Zirkus. Die Nummer 1 der Podcaster. Ein mehrfacher New York Times-Bestseller-Autor. Nicht einmal die sind das über Nacht geworden. Selbst Zauberjungen-Geschichten wurden in einem Café geschrieben, weil zu Hause die Heizung nicht mehr lief. Alle standen mal da, wo du heute stehst. Aber sie haben nicht aufgehört dem Leben, ach: sich selbst zuzuhören. Auch in den dunklen Nächten. An die Decken starrend. Und dadurch irgendwann eine Sehnsucht in sich entdeckt, die sie nicht länger ausgehalten haben. Die sie befriedigen musste.

Ich bin sicher, irgendetwas oder irgendjemand hat sie dazu inspiriert. Und dann haben sie ihre und deren Leben in Deckung gebracht, diese Schnittmengen genommen und konsequent in sie hinein gelebt.

Und nun hat diese Stimme dich gefunden. In fast jedem einzelnen Post, den du dir heute ansiehst. Und sie will mit dir reden. Sie schreit dich förmlich an.

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