Hey, da bin ich wieder. vom

Hey, da bin ich wieder.

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Für alle, die lieber hören statt zu lesen, habe ich den Beitrag eingesprochen. Einfach auf “Play”, dann geht es los. Wie findet Ihr die Idee, dass ich Texte einspreche? Schreibt mir das gerne unten in die Kommentare.

Ich weiß gar nicht, ob ihr mich vermisst habt. Oder ob euch aufgefallen ist, dass ich einige Wochen nichts schriftliches und relevantes publiziert habe. Das hatte einen Grund und war eine bewusste Entscheidung. Die Geschichte geht so:

Es war irgendwie zum Ende des vergangenen Jahres als ich so etwas wie einen „Schlaganfall“ hatte. Nur im Guten. Anders kann ich das nicht erklären. Auf einmal, völlig aus dem Nicht war mir nicht nur klar, dass etwas ganz fürchterlich quer lag in meinem Leben. Im gleichen Moment wusste ich auch, was es war. Der wesentliche Gedanke, der mir in diesem Moment mehr zugestoßen ist, als dass er ein Ergebnis eines Prozesses war, lässt sich am treffendsten mit einer Grafik des kanadischen Künstlers und Autoren Douglas Coupland (Generation X, Life After God) verdeutlichen:

Wenn „zu viel“ und „zu wenig“ das gleiche wird

Bei meinen endlosen Streifzügen durch das World Wide Web stolperte ich irgendwie immer wieder über diese Grafik. Und jedes mal kam sie aus dem Nichts und kitzelte sie mich aufs neue. Ich starrte dann oft einfach lange drauf. Und sie starrte zurück. Als wollte sie mit mir sprechen. Als ginge es ihr darum, mir zuzuflüstern. “Hey, Markus. Schau her! Das ist das, was du gefunden hast. Auch wenn du gar nicht danach gesucht hast – sondern nach irgendwelchem anderen Kram im WWW.”

Tatsächlich sehnte ich mich immer mal wieder nach diesem “Pre Internet Brain”. Diesem fast schon altertümlichen Geisteszustand, in dem man zumindest ab und an mal durchatmen kann. In dem eine Balance zwischen „zuviel“ und „zuwenig“ herrscht – dieser perfekten Definition von Minimalismus. In dem man nicht einem steten Strom an schlechten Nachrichten, toten Promis und Panda-GIFs ausgesetzt ist. Immer häufiger fühlte ich mich wie ein überfluteter Küstenstreifen, der dennoch täglich von neuen Gedankentsunamis heimgesucht wird.

Davor zu entfliehen kannte ich im Kleinen. In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder Phasen, in denen mich die Informationsflut aus Nachrichten und dem, was wir uns gegenseitig auf Social Media Plattformen um die Ohren hauen, schlicht überfordert hatte. Immer wieder nahm ich mir kurze Auszeiten. Mal für einige Wochen. Manchmal nur für Tage. Schon im Frühjahr 2015 habe ich dazu einen längeren Artikel geschrieben: „Facebook, Zigaretten und die Unendlichkeit der Stadtbibliothek.

Dieses mal jedoch bekam das eine weitere, signifikante Komponente. Ihr erinnert euch vielleicht auch an meinen Artikel „Ich muss euch um Entschuldigung bitten.“ aus dem vergangenen Herbst. Dort ging es darum, dass ich einfach für lange Zeit in allen kreativen Aspekten meines Lebens nicht mein Bestes gegeben hatte. Die Folge waren nicht nur halbherzige Ergebnisse sondern vor allem ein unzufriedener Kreativunternehmer. Und wie heißt es so richtig: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Besagter Artikel war dieser erste Schritt. Das was ich dort an Gedanken verbloggt hatte, konnte ich nicht mehr wegdenken. Das war nun die Wahrheit. Und die stand wie der berühmte Elefant im Raum.

Da steht ein Elefant im Raum!

Also, Gedankenmensch wie ich bin, machte ich mir nach jenem einsichtigen Moment Ende des Jahres eben Gedanken darüber wie es dazu gekommen war. Was diesen Elefanten angeschleppt hatte.

Das war, neben einem Erwartungsdruck – der vor allem bei Großväterland und ONE. für Jahre da war – ein eklatanter Mangel an Langeweile, an Muse. An diesen wesentlichen Aspekten, die es für Kreativität und kreativen Fokus braucht. Das war genau das, was sich in den vergangenen Jahren geändert hatte. Es gab keine Lücken mehr. Kein Ausatmen. Nur noch ein Einsaugen. Alles war voll. Mit Arbeit und Projekten. Aber eben auch mit Informationen, Nachrichten und Posts. Das Schlimme war: Das alles gab mir nichts mehr. Wo ich früher noch verdaut und gelernt hatte und mich inspriert fühlte, war nun immer häufiger ein taubes Nichts. Mindestens war da keine Zeit, mit dem, was wir begegnete, etwas anzufangen. Oder wie Coupland es im zur Grafik gleichnamigen Artikel „I miss my pre-internet brain“ schreibt:

Thanks to Google and Wikipedia, for the first time in the history of humanity, it’s possible to find the answer to almost any question, and the net effect of this is that information has become slightly boring. Douglas Coupland

Ich bin kein Luddist und Maschinenstürmer und Coupland ist das ganz sicher auch nicht. Dazu liebe ich Technologie und den Fortschritt viel zu sehr. So wie er:

In general, I try to include up-to-date technology in novels. Rather than dating them, it time codes them. People picking up, say, Microserfs two decades later enjoy the book for its tech fidelity as for anything else. Douglas Coupland

Ich fange nichts an mit diesen Miesepetern, die einem weismachen wollen, dass früher alles besser war. Keiner ein Smartphone aber alle einen Bausparvertrag hatten. Wie dieser stellvertretende Artikel, über den ich während meiner Recherche gestoßen bin und der unter dem Deckmantel „I miss my Pre-Internet Brain“ verfaulte Äpfel mit frischen Birnen vergleicht.

When on a trip abroad, I would buy a €3 map of the city and not spend €150 on dataroaming for constantly checking out Google Maps;

Das ist absurd und Daddy-Territory.

Der ungehinderte Zugriff auf das Wissen der Menschheit, zu jedem Zeitpunkt und von überall, ist ein Geschenk. Ein Segen. Es kommt nur eben darauf an, was wir daraus machen. Klingt banal, ist aber auch so einfach.

Cause we were never being boring … but bored.

Zurück zum Coupland-Artikel und dem, worum es mir geht: „Slightly boring“ ist noch slightly untertrieben. Ich fühlte mich Ende 2017 wie ein Labrador. Labradore haben diese Eigenschaft, dass ihnen irgendein Gen oder Enzym fehlt. Ich will das nicht googlen. Vielleicht sind es sogar Dackel oder Gürteltiere. Jedenfalls fehlt denen was und deshalb fressen die einfach immer weiter. Bis sie kotzen müssen. Und dann fressen die bestimmt weiter. So fühlte ich mich, was mein Umgang mit Informationen anging.

Das war mir schlagartig klar. Und ich zog direkte Konsequenzen. Von jetzt auf gleich stellte ich jeden aktiven Konsum von Nachrichten ein. Warum das sinnvoll ist, hat Shane Parrish in seinem Medium-Artikel „Most of what you’re going to read today is pointless.“ gut zusammengefasst.

What information consumes is rather obvious: it consumes the attention of its recipients. Hence a wealth of information creates a poverty of attention, and a need to allocate that attention efficiently among the overabundance of information sources that might consume it.

Herbert Simon

Dieser ganze Mist frisst einem die Aufmerksamkeit weg. Die man für andere Dinge nutzen könnte. Ach ja: Ich habe seit diesem Anfall auch nicht einmal im Facebook-Feed heruntergescrollt. Passenderweise schreibt Shane im gleichen Artikel dazu:

The hotels, transportation, and ticketing systems in Disney World are all designed to keep you within the theme park rather than sightseeing elsewhere in Orlando. Similarly, once you’re on Facebook, it does everything possible, short of taking over your computer, to prevent you from leaving.

Alleine das Weglassen dieser beiden Informationsströme führte sehr bald zu einer längst vergessenen Klarheit im Denken. Es war wieder Raum für ganz eigene originäre Gedanken. Ich wurde in vielen Dingen aufmerksamer.

Mein Mind-Startup und die Inkubatoren

Ich wäre nicht ich, wenn ich aus dieser neuen, mir wie ein Unfall zugestoßenen Situation, nicht auch gleich eine Art Projekt gemacht hätte. Ich bin Kreativunternehmer, da macht man sowas. Projekte. Vielleicht bin ich auch Kreativwissenschaftler und wollte eine These beweisen. Die Idee war jedenfalls die einer Art des Neustarts, der Umprogrammierung des Minds. Ich beschloss, das alles sehr ernst zu nehmen und mich inhaltlich konsequent und fokussiert damit zu befassen.

Guter Morgen: Mein Meditationsplatz. Morgens um 5 Uhr 30 findet ihr mich dort. Ich mich übrigens auch. In my own time.

So tat ich noch einige andere Dinge, die ich hier erst einmal nur kurz anreißen will und dann in folgenden Blog-Posts ggf. noch ausrolle:

  • Ich beschloss meinem Leben mehr feste Struktur zu geben und etablierte eine Morgenroutine. Das hatte ich schon lange vorgehabt: 5 Uhr 30 aufstehen, meditieren, schreiben und in Ruhe einen Kaffee trinken. Dann Kids schulfertig machen. Und um 7 Uhr 30 raus.
  • Also aktivierte ich mein schon im Herbst abgeschlossenen Abo der empfehlenswerten Meditations-App Headspace.
  • Ich kramte ein Notizbuch heraus, das ich mir in London gekauft hatte. Das war bald voll und mittlerweile schreibe ich in ein Leuchtturm-Composite-Buch.
  • Ich machte einen Termin bei meinen Therapeuten und redete mit ihm über die Situation. Er empfahl, nicht nur so zu schreiben, sondern konkret Tagebuch zu führen. Um diese Episode zu verarbeiten, festzuhalten, zu sortieren. Außerdem treffen er und ich uns jetzt wieder regelmäßig. Das ist sowieso eine gute Sache, einen Therapeuten zu haben, in dieser bekloppten Welt.

Die wesentlichen Werkzeuge der letzten drei Monate: Viele Bücher, mein Journal und die Meditations-App.

Ich begann mich mit Literatur zu beschäftigen, die mir alternative Ansätze in den für mein Vorhaben und in meinem kreativen Leben relevanten Bereichen aufzeigen könnte. Ich las dazu diese Bücher:

  • den Erfahrungsbericht „Everything that remains“ des Minimalisten Joshua Fields Millburn über seinen Weg zum Minimalismus
  • Deep Work“ von Cal Newport über eine radikalen Paradigmen-Wechsel hinsichtlich der Art und Weise zu arbeiten und mit Arbeit und der Informationsgesellschaft umzugehen. (Auf deutsch mit einem eher uninspirierenden Titel: „Konzentriert arbeiten“.)
  • The Obstacle is the Way“ von Ryan Holiday, das mir einen beeindruckenden Einblick in den Stoizismus und die Lebensweise als Stoiker bescherte. Ein Buch wie ein Geschenk. (Auf deutsch: „Das Hindernis ist der Weg.“)
  • Außerdem las ich dutzende Blog-Posts, Artikel auf Medium und Essays im Web, einige Leseproben, schaute Videos und Dokumentationen und hörte mir viele Podcasts zu den Themen an.

Worum es mir immer geht: Inspiration

Mir ging es nie darum, dass mir jemand eine Anleitung, eine Blaupause für mein Leben auf dem Silbertablett servierte. Immer ging es mir um Inspiration. Um Ideen. Um Praxiserfahrungen anderer Menschen, die sich auch gefragt hatten, ob es einen anderen, für sie besseren Weg gibt, mit unserer geschichtlich und evolutionär noch so blutjungen aber schon manifestierten Informationsgesellschaft umzugehen. Anders, als es das Labrador-Gürteltier mit dem Fressen tut.

Ich wollte mich nicht mehr übergeben müssen. Ich wollte mich endlich wieder nähren.

Ganz klar: Kein Selbsthilfe-Buch dieser Welt, kein YouTube-Abo und kein Podcast kann dir den Arsch retten. Es sind immer Bücher, geschrieben von anderen Menschen in ganz anderen Situationen. Aus anderen Kulturkreisen und mit anderen Nasen. Es geht stattdessen immer darum, die Zutaten aus Konzepten wie dem Minimalismus oder dem Stoizismus, des Deep Work oder des Rheinganschen „5 Stunden Arbeitstags“ und der Ferrischen „4 Stunden Woche“ auf meine Umständen anzupassen und das Optimum für mich herauszuholen. Meine eigene Suppe zu kochen. Nicht die anderer auszulöffeln.

Für mich sehr persönlich immer mit dem Blick auf mein kreatives Leben. Denn das ist das, was mich ausmacht. Das ist mein Wesen. Das ist die Sonne, um die sich alles andere dreht. Wenn die scheint, kann alles andere blühen und wachsen. In manchen Ohren klingt das eventuell ein wenig egozentrisch. Doch wenn man sich selbst nicht mehr ernst nimmt, wen oder was soll man denn dann doch für voll nehmen? Ja. Einige Entscheidungen der letzten Wochen kann man als egoistisch abtun. Aber eine egoistische Entscheidung ist immer noch besser, als ein selbstloser Brei aus Nichtstun. Und wenn man sie im richtigen Kontext trifft, hilft sie allen.

Das alles hat bis hierher mindestens für mich gut funktioniert.

Ich denke, das kann ich als erstes Fazit festhalten. Denn heute, am 25. März 2018 da ich diesen Blog-Beitrag schreibe, ist diese neue Reise ohne Nachrichten und Facebook und mit einigen neuen Konzepten und Angewohnheiten schon gute drei Monate lang – Ich weiß immer noch nicht, was in der Welt los ist. Oder auf Facebook, jenseits der Browserunterkante.

Aber ich weiß endlich wieder, was in mir los ist.

Ich bin wieder da.

Gerne: Lass mal drüber plaudern.

Dieser Blog-Post soll nur einen ersten Eindruck verschaffen. Mehr geht erst einmal nicht. Wenn du aber Lust hast, mehr über meine Erfahrungen zu erfahren oder deine mit mir zu teilen, dann lass uns einfach auf ein Bier und Schnitzel treffen. Das macht total viel Spaß und ist inspirierend. Oder schreib mir, abonniere meine Facebook-Seite oder schau regelmäßig hier vorbei. Ich werde sicherlich immer mal wieder drüber schreiben.

Danke für deine Zeit. Ich weiß, wie wertvoll sie ist.

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